Kunsthistorisch wertvolle Grabdenkmäler


St. Leonhard - ein Friedhof mit Charakter

Engelklein

Man kann nicht umhin - der St. Leonhard-Friedhof zählt zu den bedeutendsten Friedhöfen der Steiermark, ein „Who is who" der Grazer Stadtgeschichte. Dennoch war der Fortbestand des Gottesackers schon wenige Jahrzehnte nach der Erstbelegung 1817 gefährdet. Im Rahmen der so genannten „Grazer Friedhoffrage", bei der die Problematik der Friedhöfe innerhalb der Stadt erörtert wurde, dachte man über die Auflösung des Friedhofes nach. Zum einen nahm die Bevölkerung von Graz im 19. Jahrhundert rasch zu, sodass die Planung eines großen Zentralfriedhofes außerhalb der Stadt sinnvoll erschien. Zum anderen hatte man hygienische Bedenken, da das Areal um den St. Leonhard-Friedhof immer stärker verbaut wurde. Daher sah man die Schließung bis 1890 vor. Aber der St. Leonhard Friedhof hat „überlebt" - und mit ihm die Verstorbenen, die ihm seinen typischen Charakter verliehen haben. Die Bauten von Universität und Technik ließen im 19. Jahrhundert viele Hochschulprofessoren hier ansiedeln, aber auch Adelige, pensionierte Militärs, hohe Beamte. Die Nähe zur heutigen Universitätsklinik machte sich bemerkbar, auch Ärzte fanden und finden hier ihre letzte Ruhestätte. Der Friedhof etablierte sich schon früh zum Prominentenfriedhof der Stadt. Die Beerdigung des Historikers Friedrich von Hurter 1865 bildete quasi den Auftakt. Weitere klingende Namen folgten: Anton Hauser, der Erbauer des bekannten Schlosses Miramare bei Triest, Vizeadmiral Wilhelm von Tegetthoff, der Sieger der Seeschlacht von Lissa 1866 und Anton Graf Prokesch Osten, Diplomat und Orientforscher. Der international bekannte Architekt Theophil Hansen errichtete für letztgenannte Familie ein bemerkenswertes Mausoleum. Auch namhafte einheimische Künstler schufen Grabdenkmäler, wie etwa der Bildhauer Wilhelm Gösser, der hier bestattet liegt. Einige Denkmäler weisen auf den Beruf des Verstorbenen hin oder preisen dessen persönliche Verdienste, kurz: das Grabmal wird zum Denkmal des Einzelnen, dessen Werte zur Schau gestellt werden. Das Bestreben der Menschen, sich im Porträt verewigen zu lassen, hat schon Goethe erkannt, als er Charlotte in den „Wahlverwandtschaften" sagen lässt: „Doch bleibt immer das schönste Denkmal des Menschen eigenes Bildnis." Der Stadtpoet Wilhelm Fischer wurde von Gösser mit einem reliefierten Porträt verewigt. Beliebt ist auch die Wiedergabe von Heiligen, Madonnen- oder Christusfiguren, die gleichzeitig einen Bezug zur christlichen Religion darstellen, oder aber Trauernde als Repräsentanten der hinterbliebenen Familienmitglieder, mit Rosen oder Efeuranken als Symbol des ewigen Lebens. Eine ehrende Geste führt der Engel mit stark weiblichen Zügen für den Dichter und Philosophen Robert Hamerling aus, gestaltet vom Künstler Hans Brandstetter.

Sehr häufig kommt am St. Leonhard-Friedhof in den Feldreihen die Stele vor. Sie markierte bereits in der Antike Begräbnisplätze der Toten. Ähnlich einem Grenzstein setzen Stelen die Grenze zwischen dem Leben und dem Tod fest, etwa die moderne Stele für den Künstler Gustinus Ambrosi. Eine Stele in neugotischer Formensprache ziert das Grab des Historikers Friedrich von Hurter, für Feldzeugmeister Ludwig von Benedek kam eine obeliskartige Stele zur Ausführung.

Entlang der Friedhofsmauer häufen sich die Wandgräber in Form einer Ädikula; dabei handelt es sich um eine Nischenarchitektur, die das Aussehen eines Tempels mit Säulen bzw. Pfeilern oder Pilastern erhält, die Gebälk oder Giebel tragen können. Seit hellenistischer Zeit wurden Kultbilder oder Urnen (z.B. die Familiengruft Tegetthoff) eingestellt, aber auch lebensgroße, vollplastische Figuren. Ein sehr aufwändiges Beispiel würdigt einen Mäzen der Stadt Graz der Gründerzeit. Georg May ermöglichte durch eine großzügige Erbschaft den Ausbau des nahegelegenen Odilien-Blindeninstitutes, sein Grab zeigt eine Reliefdarstellung „Christus heilt einen Blinden", die auf das karitative Leben des Verstorbenen Bezug nimmt. Der Formenvielfalt der Ädikula ist keine Grenzen gesetzt. Manchmal ist die Ädikula so flach ausgeführt, dass sie Stelenform annimmt.

Kreuzlaub

Das Kreuz hingegen als selbstständiges Denkmal ist seltener anzutreffen. Das Grab des Universitätsprofessors für Volkskunde Viktor Geramb schmückt ein schlichtes Eisenkreuz.

Auch für Künstler ist der Friedhof begehrte letzte Ruhestätte: der Bildhauer Gustinus Ambrosi, der Maler Friedrich Silberbauer, der Bildhauer Wilhelm Gösser oder der Komponist Ludwig Carl Seydler. Alle hier Bestatteten prägten und prägen mit ihren Biografien aber auch mit den Grabdenkmälern das Erscheinungsbild dieses Ortes. Und wie in einer wachsenden Stadt kommen ständig neue Grabmäler dazu. Andere wiederum verschwinden und mit ihnen die Grabsteine. Ausgelöschte Namen bedeuten mitunter unwiederbringliche Verluste. Damit greift man in den Charakter des Friedhofes entscheidend ein und beeinflusst diese gewachsene Kunst- und Kulturlandschaft. Beim St. Leonhard-Friedhof geschah und geschieht dies trotz räumlicher Erweiterung behutsam, sodass der ursprüngliche Charakter bis hin zur Bepflanzung heute weitgehend erhalten geblieben ist.

Mag. Karin Derler